Esther Seidel (8.2.1964) studierte Bildhauerei an der Accademia di Belle Arti di Carrara und lebt seither in Italien.

Ihre künstlerische Herkunft ist die figurative Skulptur, der sie sich als Steinbildhauerin und Plastikerin widmet. Schon in ihrem Studium ist der menschliche Körper ihr Hauptthema. Ihr zentrales Interesse dabei ist die Wechselwirkung von Innen und Außen einer Person, von Körperform und Gestalt.

Aus der Bildhauerei erwächst ihr starker Bezug zu den Materialien und deren spezifischer Qualitäten: Die Steinbildhauerei aus Marmor, die Plastik in Terrakotta, der Bronzeguss mit seinen vielen Zwischenstadien in Wachs, Gips, Silikon, gebrannter Erde und schließlich der Bronze und ihrer Nachbearbeitung prägen die manuellen und formgebenden Fertigkeiten der Künstlerin.

Seit den 1990er Jahren gestaltet Esther Seidel zahlreiche öffentliche Räume mit Gruppen von Bronzeskulpturen. Diese zeichnen sich durch die realistische Darstellung zeitgenössischer Menschen aus. Als lebensgroße Figuren sind sie mit allen Attributen des alltäglichen Äußeren, insbesondere aktueller Bekleidung, dargestellt. Da sie immer direkt auf der Ebene der Fußgänger platziert sind, treten sie in einen unmittelbaren visuellen und haptischen Dialog mit den Betrachtenden.

Beginnend etwa um das Jahr 2000 stellt sie ihren plastischen Arbeiten textile Stickbilder gegenüber. In diesen Porträts führt sie ihre dargestellten Personen aus der plastischen Körperlichkeit in zweidimensionale Bilder zurück. Dafür löst sie zuerst deren Abbild durch grafische Rasterung auf, überträgt dies auf ein Gewebe und verdichtet sie anschließend wieder durch das Sticken mit Wollfäden. Dieses textile Moment steht in einer Wechselwirkung mit klein- und mittelformatigen Plastiken dieser Zeit, in denen sie zunehmend die Bekleidungen der Figuren mit echten Stoffen ausformt. Die Bekleidung als zweite Haut der Menschen, und als eigene Gestaltungsmerkmale der Individuen, löst sich von der Plastik und wird so zum eigenständigen Thema. So bedeutet seither ihr bildhauerisches Arbeiten zum einen das Formen von Menschen als individuelle Körper, andererseits auch deren Einhüllen mit Textilien, die den äußeren Schutz der Personen leisten.

Der Fokus auf textile Kunst verstärkt sich in den folgenden Jahren. Insbesondere die Materialqualitäten der Stoffe, ihre taktilen und farblichen Eigenschaften sowie ihre Verarbeitung und Zusammenfügung interessieren Esther Seidel zunehmend. Dies führt seit Mitte der 2010er Jahre teils so weit, dass sich der physische Körper, abgesehen von der Büste, ganz und gar im Textilen auflöst und die Figuren überlebensgroß werden können.

Inhaltlich verstärkt sich in der Folge ihre Suche nach Ausdruck der Dualität individueller, innere Welten einerseits, sowie, im Gegenüber dazu, nach den universellen Sinnfragen des Seins. In ihren Arbeiten transzendiert sie, vor dem Hintergrund biografisch-persönlicher Fragen, ihr eigenes inneres Erleben auf den allumfassenden äußeren Kosmos. Es geht ihr dabei insbesondere um das Phänomen universeller Liebe sowie den Schutz der Menschen und ihrer Existenz durch kosmische Kräfte. Als Verbildlichung dessen stellt sie konsequent ihr eigene Ich-Beziehung in den Fokus, stellt sich als Personifizierung einer Madonnenfigur im Kosmos dar, stellvertretend und als Symbol der Schlüsselposition, die jedes Individuums zwischen physisch-irdischer Existenz und transzendental-metaphysischer Welt einnimmt. Insgesamt nimmt sie des Weiteren zur Darstellung dieses Zusammenhangs Bezug auf vielfältige religiöse Symbole und verarbeitet zum Teil textile Fundstücke liturgischer Herkunft. Es entstehen großformatige textile Bilder, als Collagen und Assemblagen, mit Motiven, die vielfältige Assoziationen zur traditionell-religiösen Kunst erlauben und doch völlig neuartige, handwerklich wie symbolisch hochwertige Kunstwerke sind.

Matthias Seidel
drj-art-projects.com


Die Erfahrung einer zu vollen Welt, von Innenräumen, die zu sehr vom Sinnlosen und Banalen eingerichtet sind, ist typisch für den Mann und die Frau des 20. und 21. Jahrhunderts. Es war Walter Benjamin, der vom "möblierten Menschen" sprach, um die Kolonisierung des inneren Raums durch Objekte und Bilder zu verstehen, die buchstäblich keinen Raum zum Nachdenken, zum Alleinsein, zum Denken ließen. Der innere Raum ist so sehr von irrellierenden "Dingen" kolonisiert, dass es uns schwer fällt, einen Moment für jene durchdringende und tiefe Einsamkeit zu finden, aus der künstlerische Inspiration oder philosophische Intuition geboren wird; selbst wenn wir allein sind, durchdringt uns die Welt, nicht mit dem legitimen Bedürfnis nach Sozialität und Sozialisierung (so sind wir nie ganz allein, weil sich die ganze Welt in uns spiegelt), sondern mit einer schwerfälligen und unerwünschten Präsenz. Wir werden von der Welt bewohnt, und das macht es uns schwer, sie in einem richtigen und vollständigen Sinn zu bewohnen.

Wir brauchen also eine Pädagogik der leeren Räume als vorbereitende Operation einer Seelenerziehung; wir brauchen die zu schulenden Subjekte, damit sie in sich selbst das schaffen, was wir weiße Löcher nennen, d.h. Fragmente der Innerlichkeit, die wir vor der Belagerung retten, Rechtecke der Bedeutung und des Selbst, die wir der Diktatur einer Welt entziehen, die uns im Inneren ausstattet. Wenn wir uns jedoch dazu erziehen müssen, unsere eigenen weißen Löcher zu schaffen, dann ist es wahr, dass es kein weißes Loch in uns gibt, wenn es draußen keine Räume und Zeiten der Loslösung gibt. Durch die Suche nach oder die Schaffung von weißen Löchern im Alltag und in der Lebens- und Arbeitsumgebung können die Voraussetzungen für eine innere spirituelle Leere geschaffen werden.

Das Konzept des Innen/Außen der Seele ist der rote Faden aller künstlerischen Forschungen Esther Seidels, das Außen der Seele können wir als die Erscheinungen der Alltagswelt identifizieren, in die der zeitgenössische Mann und die zeitgenössische Frau eintauchen und zum privilegierten Thema der Skulpturen und Stickereien der Künstlerin werden: die Menschen unserer Zeit, wir, ihr selbst, betrachtet in der Beziehung zur Existenzbedingung, zum bewohnbaren Raum, zur Beziehung, aber noch mehr, oder noch besser, zum inneren Raum, zum psychischen, zum intimen pulsierenden ànemos, dem Inneren der Seele, das in den Körper drängt, seine expressive Oberfläche ausdehnt, die Zeit der Handlung diktiert, den reflexiven Stillstand, die Dynamik, die Geste. Eine einzige existentielle Sphäre, die mit dem Inneren und dem Äußeren im Dialog steht und die dank des bearbeiteten und von den Bedürfnissen des Künstlers verwendeten Materials im Raum realisiert wird.

Esther Seidel wurde aus der klassischen Bildhauerei geboren, die sie an der Akademie der Bildenden Künste in Carrara erlernte, einer schweren und langsamen Technik, die ihr Leben und ihren Körper völlig in Beschlag nahm. Während und unmittelbar nach ihrer Schwangerschaft entdeckte sie die Faszination der Fotografie und den Gebrauch des Computers wieder und sammelte die Fäden ihres Lebens, wobei sie auf Wolle, Stoff und Seide traf. Der Wunsch, diese weibliche Arbeit auszuführen, erlaubte es ihr, ihrem Kind immer nahe zu sein und jene Freiheit wiederzuentdecken, die das Experimentieren ihrer künstlerischen Forschung anregte. Aus dieser Vereinigung werden Skulptur und Stickerei, Stein und Stoff, Bronze und Wolle, Visionen, die Esther zu ihren Anfängen in der Bildhauerei zurückführten und ihr erlaubten, ihre Emotionen in der Kunst auf eine neue Art und Weise auszudrücken. So stehen ihre verschiedenen künstlerischen Haltungen im Dialog miteinander und bilden ein einziges großes Gesamtkunstwerk, das das Werk eines Teils ihres Lebens umfasst.

Seidels Skulptur warnt und vermittelt mit außerordentlicher Unmittelbarkeit vor der drohenden Verkleinerung des Lebensraums und der Kontraktion des psychologischen Raums, und zwar nicht nur in ihren verzerrtesten und schmerzhaftesten Wendungen, sondern in einer wirklich überraschenden Vielfalt von Situationen, von Standpunkten (und Zuhörern), die nun die Materie, die Auferlegung der Körperlichkeit, der Körperlichkeit als Architektur im Raum erheben, Jetzt erzwingt die kommunikative Spannung in stark expressionistischen Scans oder sogar in intensiven neobarocken Bewegungen die Artikulation einer Geste, die den Raum/die Umgebung aktiviert, jetzt ein Licht, das einzugreifen scheint, um zu gehen, zu glätten, die Oberflächen zu verjüngen, die Masse, das Gewicht, die "Rüstung" zu reduzieren und die Wahrnehmung immer expliziter auf den "Kern", den innersten, geheimen Kern, das Innere der Seele zu lenken.

In ihren heutigen Werken entdeckt die Künstlerin die für die Bildhauerei typische Langsamkeit wieder, die sie so sehr liebte, aber nicht mehr die Schwere, die ihr vor allem die großen Dimensionen aufgrund der privaten Aufträge gaben, die die Grundlage ihrer Arbeit waren. Die Wiederholung der Geste mit Nadel und Faden, so bescheiden, aber gleichzeitig tiefgründig und meditativ, wurde zu ihrem Band der emotionalen Kommunikation, um die verschiedenen Techniken in einem einzigen Ausdruck, der aus der Erfahrung Gestalt annimmt, zum Leben zu erwecken.

Die Idee, im Rahmen der Ausstellung ein Video vorzuschlagen, entspringt dem ständigen Wunsch von Esther Seidel, neue Techniken und Technologien auszuprobieren und insbesondere ihr Privatleben (das Innere der Seele) in das einzufügen, was dank der Kunst zu einem öffentlichen Raum wird, in dem sie sich zeigen kann. Das Video mit dem Titel "Autor de la lune" ist eine Synthese dessen, was zuvor gesagt wurde: Die Skulptur mit der Zeit lässt Raum für die Fotografie, aus der die Stickerei geboren wird, die Stickerei kehrt zur Skulptur zurück und bildet eine Synthese ihrer künstlerischen Forschung oder besser gesagt ihres "Kunstmachens". All dies wird dem Betrachter der Ausstellung dank des Videos gezeigt, das zur "Summe" aller Techniken in einem wird, den Schritten, die dazu geführt haben, heute im ortsspezifischen Projekt für das Grüne Haus der Fondazione La Versiliana das gesamte Werk des Künstlers zu sehen.